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Hier ein Artikel von dem Magazin ,,Stylus":

Unternehmer für ein Jahr

In dem Projekt "Junior" lernen Schülerinnen und Schüler, wie Firmen funktionieren - nebenbei erwerben sie wichtige Softskills

Die Idee war so einfach wie bestechend gut: Um den Ausbau der Photovoltaik im Raum Peine zu fördern, mussten Eigentümer von geeigneten Dachflächen und Investoren zusammengebracht werden. Denn längst nicht jeder Hausbesitzer hat das Kapital, Sonnenkollektoren auf seinem Dach installieren zu lassen. Am Ende ist es eine Win-win-Situation, denn am Einspeisen des Stroms ins Netz verdienen beide. Einige Schülerinnen und Schüler des Peiner Gymnasiums Am Silberkamp stellten deshalb eine Vermittlungsplattform ins Internet - mit großem Erfolg: Bald schon fanden sich viele Hausbesitzer und Geldgeber zusammen. Das Projekt läuft noch immer, die Internetplattform finanziert sich im Wesentlichen über Werbung.

Nur ein Beispiel für eine erfolgreiche Firmengründung im Rahmen des Projekts "Junior", das das Institut der Deutschen Wirtschaft (DIW) 1994 ins Leben rief. Seit 1998 wird es auch in Niedersachsen angeboten. Annette Wagener vom Regionalbüro Nord ist hier die Projektverantwortliche: "Wir wollen das Thema Wirtschaft in die Schule bringen und realitätsnah zeigen, wie Unternehmen arbeiten", erläutert sie.

 

Dafür sei es entscheidend, dass die Schüler tatsächlich eigene Firmen gründeten, die sich am Markt behaupten müssen. "Es handelt sich nicht um ein Planspiel", betont Wagener. Alle teilnehmenden Gruppen starten mit eigenem Kapital in Höhe von 900 Euro. Das wird in Form von Anteilsscheinen ausgeben, die die Schülerinnen und Schüler an Anteilseigner veräußern müssen. Geld, das sie etwa durch Verkäufe einnehmen, können sie zusätzlich investieren; Schulden machen dürfen sie aber nicht. Sie benötigen ein eigenes Bankkonto, müssen Bilanz führen und schlüpfen - ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechend - in unterschiedliche Rollen, werden etwa Buchhalter, Marketingchef oder Vorstandsvorsitzende.

Am Anfang einer jeden Unternehmensgründung steht aber die Idee für ein Produkt. "Die muss von den Schülerinnen und Schülern kommen, weil sie voll dahinter stehen müssen", betont Silke Kortemme, die das Projekt "Junior" am Gymnasium am Silberkamp betreut. Die Peiner Schule hat im Laufe der Jahre mehrere Generationen von erfolgreichen Gründern hervorgebracht.

 

Das aktuelle Projekt startete im vergangenen Jahr damit, Kerzen aus Wachsresten zu ziehen und zu verkaufen. "Wir wollten etwas herstellen, das man nicht unbedingt braucht, das aber dekorativ ist", erläutert Melina, die 17-jährige Produktionsabteilungsleiterin von "Bright4light". Der Firma gehören insgesamt 14 Schülerinnen und Schülern an. Bald schon kamen neue Produkte hinzu - etwa Flaschen, die von Lichterketten illuminiert werden. Besonders originell sind Lampen, die aus alten Fahrradfelgen gebaut werden. Re- und Upcycling sowie Nachhaltigkeit sind den Schülerinnen und Schülern wichtig. "Viele Geschäftsideen spiegeln wider, was gefragt ist, was gerade gesellschaftliches Thema ist", sagt Kortemme.

Die Koordinatorin hat an der Schule das Fach Wirtschaft etabliert. "Das fehlt an den meisten Schulen in Niedersachsen. Wirtschaftsthemen besitzen nicht den Stellenwert, den sie haben sollten", bedauert sie. Am Gymnasium am Silberkamp ist das Projekt "Junior" zwar Unterrichtsinhalt und wird benotet. Den größten Teil der Arbeit erledigen die Schülerinnen und Schüler aber in der Freizeit: Sie müssen Sponsoren einwerben, Materialien beschaffen, mit örtlichen Betrieben kooperieren, Expertisen einholen, eigene Produkte herstellen (lassen) und vor allem: diese auch absetzen. "Bright4light" hat an Elternsprechtagen sowie am Mutter- und Valentinstag bereits einige hundert Euro eingenommen. "Wir waren überrascht, wie viel wir verkaufen konnten. Es ist schön, dass unsere Produkte so gut bei den Kunden ankommen", freut sich die 17-jährige Vorstandsvorsitzende Madeleine.

 

Großen Anklang finden auch die Waren der Firma "Woodpeckers", die an der hannoverschen Herschelschule gegründet wurde. 14 Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 10 und 11 produzieren hier in einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft Federmäppchen, Stehlampen und Gartenbänke mit wetterfesten Sitzkisten. Das Originelle daran: Viele der Materialien stammen aus ausgemusterten Landkarten oder Turnmatten. AG-Leiter und Sportlehrer Folke Strauß wollte sich nicht damit abfinden, die Sachen wegzuschmeißen. Ihm kam die Idee, daraus neue Produkte herzustellen. Bei seinen Recherchen stieß er auf das Projekt "Junior" und meldete seine Schule dafür an.

"Es ist sinnvoll, in der Schule auch mal praktisch zu arbeiten, fernab vom Unterricht", betont er. In der AG lerne er die Schülerinnen und Schüler anders kennen und erfahre, was an bisher verborgenen Fähigkeiten in ihnen steckt: "In dem Projekt werden viele Ressourcen freigelegt. Das, was sie hier lernen, hilft ihnen auch später im Leben." In der Theorie seien wirtschaftliche Zusammenhänge hingegen oft schwer zu vermitteln, sagt Strauß, der auch das Fach Wirtschaft unterrichtet.

Die 16-jährige Anuk reizen an dem Projekt vor allem die Freiheit im Lernen sowie der konkrete Nutzen. Beides fehle ihr häufig in der Schule, sagt sie: "Das ist ganz anders als normaler Unterricht. Und wir lernen hier Dinge, die wir später im Leben brauchen: zum Beispiel wie man eine Steuererklärung macht." Die 17-jährige Annika empfindet die AG als eine gute Vorbereitung fürs Berufsleben. Es sei nicht nur eine Herausforderung, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, sondern auch im Team zusammenzuarbeiten, sagt sie. Und Mitschülerin Johanna ergänzt: "Ich wusste gar nicht, dass Firmen so komplex aufgebaut sind, und was es bedeutet, selbst Verantwortung zu übernehmen."

Im Keller der Schule stellt das Produktionsteam seit einigen Wochen Waren her, die auf Märkten und Schulveranstaltungen verkauft werden. "Woodpeckers" plant auch einen eigenen Online-Shop. Zu erleben, dass die eigenen Produkte bei Kunden Anklang finden, macht die Schülerinnen und Schüler stolz: "Das ist ein echter Wow-Effekt. Wir bekommen oft ein gutes Feedback", freut sich die 16-jährige Melisa. Und Anuk empfand die ersten Verkäufe als große Erleichterung: "Der Weg dahin war nicht immer leicht, aber es war wichtig, auf ihm zu bleiben."

Viele Aufgaben bewältigen die Schülerinnen und Schüler alleine oder in Kleingruppen. Regelmäßig treffen sich dann alle im Plenum, um Ergebnisse auszutauschen und das weitere Vorgehen zu besprechen. "Der Aufwand, der dahinter steht, ist ganz schön groß. Das war mir vorher nicht klar", sagt Melina von "Bright4light". Und wie im "richtigen" Geschäftsleben sind Kommunikation und Teamfähigkeit Schlüsselfaktoren für den Erfolg. Verlässlichkeit, Kreativität und Disziplin wirken sich ebenfalls positiv aus. "Die Schülerinnen und Schüler erwerben im Laufe des Projekts viele Softskills", betont Annette Wagener.

Die eigene Idee verkaufen zu können, ist ebenfalls eine entscheidende Fähigkeit, die bei Präsentationen gefordert und von dem Projekt fast en passant gefördert wird. "Auf einmal können die Schülerinnen und Schüler frei reden, sich selbst darstellen, andere Menschen überzeugen. Es ist toll zu sehen, wie sich ihre Persönlichkeit entwickelt", freut sich Lehrerin Kortemme.

Einer Untersuchung von "Junior" zufolge verbessern sich Selbstbewusstsein und das Zutrauen in eigene Fähigkeiten bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern signifikant: So geben viele an, dass sie weniger Sorge haben, ausgelacht zu werden, wenn sie etwas nicht schaffen. Außerdem haben sie seltener Angst vorm Scheitern. Sie können darüberhinaus nach eigener Einschätzung digitale Medien besser anwenden und bedienen und ihre eigene Meinung verantwortungsbewusster und sicherer mitteilen. Und knapp die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat anschließend einen klaren Berufswunsch.

"Ich könnte mir später vorstellen, ein eigenes Unternehmen zu gründen", sagt Melina von "Bright4light". Damit hätte "Junior" sein wichtigstes Ziel erreicht. Denn den Schülerinnen und Schüler soll nicht nur ökonomisches Wissen vermittelt werden. Sie sollen vor allem die Angst davor verlieren, sich später selbstständig zu machen, erläutert Wagener: "In Deutschland ist die Gründerszene leider noch etwas unterentwickelt." Sie hofft, dass "Junior" daran mittel- bis langfristig etwas ändert.

 

 

Infokasten:

Die Besten schaffen es bis nach Europa

Das Projekt "Junior" wird für verschiedene Altersstufen an weiterführenden Schulen angeboten: Die Wettbewerbe "Basic", "Advanced" und "Expert" stellen unterschiedlich hohe Anforderungen an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Deutschlandweit nehmen jährlich zwischen 600 und 700 Firmen von Schülerinnen und Schülern an dem Wettbewerb teil, in Niedersachsen beteiligen sich derzeit gut 60 Firmen aus verschiedenen Kommunen. Das Projekt startet jeweils nach den Sommerferien und endet nach Ablauf eines Schuljahres.

Über das Online-Portal von "Junior" müssen die Schülerfirmen monatlich über ihre Aktivitäten berichten und bestimmte Arbeitsschritte nachweisen. Sie bekommen aber auch viel Unterstützung, etwa in Form von Tipps und Fachwissen. Bei Bedarf werden ihnen Wirtschaftspaten zur Seite gestellt. Außerdem wird für sie eine Betriebshaftpflicht abgeschlossen. Zum Abschluss des Projekts muss ein Geschäftsbericht eingereicht werden, der die Grundlage für eine Auswahl bildet:  Denn nur zehn Schülerfirmen werden zur niedersächsischen Landesausscheidung eingeladen. Sie müssen dann einen Messestand aufbauen, ihr Unternehmen in einem kurzen Vortrag präsentieren und einer Jury, die mit Fachleuten aus der Wirtschaft besetzt ist, Rede und Antwort stehen.

Die Jury vergibt nach einer festen Skala Punkte für verschiedene Aspekte. Prämiert werden schließlich die vier besten Schülerfirmen, Preise erhalten sie allerdings nicht. Der Gewinner qualifiziert sich für die bundesweite Ausscheidung. Kann sich die Schülerfirma dort ebenfalls behaupten, nimmt sie schließlich an einem Wettbewerb auf europäischer Ebene teil.​

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